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Moria − Rennen gegen die Zeit

von Raphael Knipping und Michael Trammer

Die COVID-19 Pandemie hat sich zu einer globalen Bedrohung entwickelt und beherrscht den Alltag der Menschen. Während hierzulande bereits darüber diskutiert wird, Kontaktsperren zu lockern, sind auf den griechischen Inseln nach wie vor Zehntausende in provisorischen Lagern gefangen. Nach quälenden Diskussionen hat sich Deutschland endlich durchgerungen, einige wenige, besonders schutzbedürftige Minderjährige aus Camp Moria auf Lesbos zu evakuieren. Statt auch die Eltern chronisch kranker Kinder aufzunehmen, werden Familien auseinandergerissen.

Das Virus wird vor den griechischen Inseln nicht haltmachen. Die räumliche Situation, sanitäre Ausstattung und die medizinische Versorgung in den Camps sind aber alles andere als ausreichend, für das was kommt. Wenn es die EU nicht schafft, bald zu handeln, wird sie enormes Leiden und möglicherweise ein weiteres Massensterben an den europäischen Außengrenzen verantworten müssen.

Eine Fotoreportage aus dem Camp Moria von Raphael Knipping & Michael Trammer.

 

 

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Leben im Ausnahmezustand

Etwa 3000 Menschen sollten in den Ende 2015 errichteten Containern auf einem ehemaligen Militärgelände unterkommen. Hunderte Boote mit Flüchtenden landeten damals an den Küsten der ägäischen Insel. Im Frühjahr 2016 erklärte die Europäische Union das Lager zu einem sogenannten Hotspot, dort sollten Geflüchtete gemäß des EU-Türkei Abkommens registriert und ihre Asylverfahren durchgeführt werden. Menschen mit positiven Asylentscheiden sollten zügig in andere EU-Länder weiterverteilt und Abgelehnte in die Türkei abgeschoben werden. Seit 2016 wurden etwa 2000 Menschen in die Türkei zurückgeschickt und rund 37.700 aufs griechische Festland gebracht. Allein 2019 sind jedoch über 60.000 Menschen mit Booten auf den griechischen Inseln angekommen, 27.000 davon alleine auf Lesbos. Das Camp Moria liegt im Süden der Insel. Es ist seit Jahren chronisch überfüllt: Im September 2018 lebten dort 9000 Menschen, ein Jahr später stieg die Zahl auf 13.000, heute sind es über 24.000.

Den meisten Neuankommenden bleibt nichts anderes übrig, als sich aus Paletten und Planen Hütten zu bauen oder in Zelten zu leben. In den Hügeln rund um das eigentliche Camp hat sich der „Jungle“ ausgebreitet. So nennen die Geflüchteten den informellen Teil des Lagers. Mangels Alternativen wird hier mit dem Holz der Olivenbäume geheizt und gekocht, konstant zieht der Rauch der unzähligen Feuerstellen über die Hügel. Schlammige Wege und selbstgegrabene Stufen verbinden die verschiedenen Bereiche. Neben einem mit Müllsäcken und abertausenden leeren Plastikflaschen gefüllten Graben haben Bewohner kleine Läden errichtet. Auf der Hauptstrasse bieten Händler Obst und Gemüse an, es gibt Brot aus Lehmöfen, einen Barbier, und ein kleines syrisches Restaurant. Alles zusammengenagelt aus Planen und Brettern.

Von überall her hört man das Geschrei spielender Kinder. Über 40 Prozent der Bewohner*innen sind minderjährig. Sie wachsen in einem Umfeld aus Müllbergen und Schlamm auf. Die Behörden auf der Insel Lesbos sind seit Jahren mit der Situation überfordert. Die Infrastruktur ist  wegen der Finanzkrise 2007/08 und der daraufhin angeordneten Austeritätspolitik in einem desolaten Zustand, die Müllabfuhr kommt wenn überhaupt nur unregelmäßig.

Über 1000 Minderjährige sind ohne Eltern im Lager. Einer von ihnen ist Vazirahmad Vaziri, er ist 15 und lebt alleine in einem kleinen Zelt. Die eigens für unbegleitete Minderjährige geschaffenen Unterkünfte seien voll, berichtet er. Dort sei nur noch Platz für die Jüngsten. Abends traue er sich nicht mehr aus dem Zelt, er hat Angst, Opfer von Gewalt zu werden, denn immer wieder wird von Konflikten und Messerstechereien innerhalb des Camps berichtet.

Überspannt

Die Situation in und um Moria führte in den vergangenen Monaten zu immer mehr Unmut in der lokalen Bevölkerung. Während die Inselbewohner*innen 2015 hunderttausenden Neuankommenden halfen und Kleidung und Essen verteilt haben, wofür einige von ihnen 2016 sogar für den Friedensnobelpreis nominiert waren, scheint die Solidarität nun ihre Grenzen zu finden. Berichte über angeblich zerstörte Kirchen, geklaute Ziegen und gefällte Olivenbäume schüren Ressentiments gegen die Geflüchteten. Dazu kommen zahlreiche im Internet verbreitete Fake-News: NGO-Mitarbeiter*innen würden Schlauchboote aus der Türkei mit Taschenlampen anlocken oder sogar mit Fernbedienungen übers Meer steuern.

Lesbos hat sich zu einem Pulverfass entwickelt, das Ende Februar explodierte: Die Ankündigung der griechischen Regierung, auf Lesbos ein neues, geschlossenes „Detention Center“ zu errichten, führte in der lokalen Bevölkerung zu massivem Protest. Menschen jedes politischen Spektrums beteiligten sich an den zweitägigen Blockaden und Ausschreitungen und brachten die griechische Regierung zum Einlenken: Vorerst sollte kein neues Camp entstehen. Dieser Erfolg beflügelte besonders rechte Strukturen, die – nachdem sie die Polizei von der Insel gejagt hatten – sich nun zum Ziel setzten, als nächstes die NGOs und schlussendlich die Geflüchteten selbst von der Insel zu vertreiben. Als der türkische Präsident Recep Tajib Erdogan Anfang März die Grenzen der Türkei für geöffnet erklärte und wieder mehr Boote, auch tagsüber, an den Küsten von Lesbos landeten, fühlten sich rechte Gruppierungen bevollmächtigt, „ihre Insel“ zu verteidigen. Sie hinderten ein neuangekommenes Schlauchboot am Anlegen, forderten die Insassen auf, „wieder in die Türkei zu verschwinden“.

Anwohner*innen errichteten zudem Straßensperren, um Busse mit Neuankommenden nicht mehr nach Moria zu lassen. Am gleichen Abend wurde das bereits zuvor geschlossene Transitcamp „Stage 2“ angezündet. Der griechische Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis kündigte daraufhin an, dass das Land für einen Monat keine neuen Anträge auf Asyl annehmen werde. Zudem habe der nationale Sicherheitsrat beschlossen, den “Grad der Abschreckung an unseren Grenzen auf ein Maximum zu erhöhen“. Griechenland militarisiert daraufhin seine Grenze weiter, EU- Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen lobt Griechenland als „Schutzschild“ der EU. Von der Türkei mit dem falschen Versprechen der Grenzöffnung gelockt, harren bald etwa 13.000 Menschen im Niemandsland vor den Grenzübergängen aus. Ohne Möglichkeit Asyl zu beantragen, werden sie von Sicherheitskräften mit Gummigeschossen und Tränengas beschossen. Die Situation eskaliert, als Zeug*innen von einem Mann Anfang 20 berichten, der im nahegelegenen Krankenhaus auf türkischer Seite des Grenzflusses Meriç den Folgen seiner Schussverletzungen durch scharfe Munition erlegen sein soll. Von offizieller griechischer Seite weist man die Vorwürfe von sich, die Ermittlungen laufen jedoch weiter. Mehrere hundert neuangekommene Geflüchtete auf Lesbos müssen inzwischen an den Stränden oder im Hafen von Mytlini unter freiem Himmel ausharren, manche kommen in einem Militärschiff unter. Etwa 500 werden nach zwei Wochen von einem Marineboot in ein Abschiebezentrum aufs Festland gebracht. Ihre Asylanträge wurden ohne weitere Prüfung zurückgewiesen. Nach Ansicht der griechischen Regierung ist diese Praktik legitimiert durch einen Notstand. Für Asylrechtsexpert*innen verstößt das Aussetzen des Asylrechts durch Griechenland gegen die Genfer Flüchtlingskonvention.

Rechte Gewaltexzesse

Von den Bildern bestärkt, die im Frühjahr aus Lesbos und von der griechisch-türkischen Landgrenze um die Welt gehen, reisen auch radikale Rechte aus Deutschland, weiteren EU-Ländern und den USA nach Griechenland, um sich als vermeintliche „Helfer beim Grenzschutz“ zu inszenieren. Unter dem Motto „Europa zu verteidigen“, kommen auch der Aktivist der Identitären Bewegung (IB), Mario Müller, und sein Begleiter, der Ex- NPD-Politiker Jonathan Stumpf nach Lesbos. Kurz nach ihrer Ankunft werden sie in der Hafenstadt Mytilini verprügelt, von wem ist unklar. Fotos auf Twitter zeigen, wie die Beiden mit Verband und blutend in der Einkaufsstraße stehen. Nach nur zwei Tagen auf der Insel steigen beide wieder in den Flieger. Auch eine zehnköpfige Gruppe der IB, inklusive ihrem Vordenker Martin Sellner, werden von den griechischen Sicherheitsbehörden des Landes verwiesen. Die Attacken gegen Geflüchtete und NGO-Mitarbeiter*innen gehen jedoch weiter. Trauriger Höhepunkt ist der Brand des Community Centers „One Happy Family“ inklusive Schule, Bücherei und Sportmöglichkeiten am 7. März. Viele NGOs sehen sich angesichts der Bedrohungslage gezwungen, ihre Mitarbeiter*innen von der Insel zu evakuieren. Auch einige Journalist*innen verlassen die Insel.

 COVID-19

Die Bewohner*innen in Moria stehen heute vor einer weiteren Gefahr, der Corona-Pandemie. Die Überfüllung des Lagers, die unzureichenden hygienischen Bedingungen und die fehlende medizinische Versorgung sind schon seit Jahren der perfekte Nährboden für eine Epidemie. Viele Bewohner*innen sind durch die Lebensumstände ohnehin geschwächt oder krank, Diabetiker*innen haben keinen Kühlschrank um ihre Injektionen zu kühlen, Schwangere bekommen keine Vorsorge, chronische Krankheiten können nicht behandelt werden. Laut der Nationalen Organisation für Öffentliche Gesundheit gibt es in Moria gerade einmal drei Ärzt*innen, acht Krankenpfleger*innen und zwei Geburtshelfende. Welchen Einfluss ein Ausbrechen des Virus und eine eventuelle Quarantäne in kleinen Zelten oder Hütten für die Psyche vieler ohnehin schwer traumatisierter Menschen haben dürfte, ist kaum zu ermessen. Schon jetzt gibt es Berichte über kleine Kinder, die von Suizid reden, sich selbst verletzen, das Essen verweigern oder verstummen.

Während Europa und viele Länder weltweit ihre Bürger*innen dazu auffordern, daheim zu bleiben, sich so oft wie möglich die Hände zu waschen und soziale Kontakte zu vermeiden, leben fünfköpfige Familien in Hütten, die nicht größer sind als sechs Euro-Paletten. “Ärzte ohne Grenzen” berichtet, dass im Lager etwa ein Wasserhahn für 1300 Menschen zur Verfügung steht, eine Dusche teilen sich 242 und eine Toilette 167 Personen. Die Versorgung mit ausreichend Trinkwasser und Nahrungsmitteln ist bei Weitem nicht ausreichend, denn seit die Angst vor Corona besteht, halten sich viele zuständige Catering-Unternehmen nach Möglichkeit vom Camp fern.

Am 9. März gab es den ersten Corona-Fall auf Lesbos. Ob es mittlerweile weitere Fälle gibt ist bislang unklar. Alle arbeiten dort gegen die Zeit. Angesichts der mangelhaften Versorgung nehmen auch in dieser Situation die Bewohner*innen und Aktive von Standy by me Lesvo [2]s das Problem selbst in die Hand. Im Akkord nähen sie Schutzmasken. „Zuerst für das Lager und dann für die gesamte Insel“, sagen sie. Sie verteilen Plakate und Flyer mit Informationen und Verhaltenstipps zu Hygienemaßnahmen gegen das Virurs. Hilfspakete werden ausgeteilt und Proteste organisiert.

Am 27. März kündigte die griechische Regierung weitergehende Maßnahmen für die Lager auf den ägaischen Inseln an: Das Verlassen der Camps soll bis 31. Mai verboten werden, unnötige Bewegungen innerhalb der Camps vermieden werden. Dafür sollen Geldautomaten errichtet werden, notwendige Güter im Camp verkauft, und spezielle Quarantänebereiche geschaffen werden. Auch die Interviews zu den Asylverfahren werden damit vorerst ausgesetzt. Ob diese Maßnahmen ausreichen, um den Ausbruch des Virus zu verhindern, wird sich in den nächsten Monaten zeigen. Fest steht, dass das Corona-Virus als Vorwand genommen wird, um die lokale Infrastruktur in Moria lahmzulegen: Ausgangssperren und Quarantäne-Bestimmungen hindern die Menschen an ihrer Selbstorganisierung im Camp. Zudem wird die Arbeit für NGOs vor Ort massiv erschwert.

Vor wenigen Tagen haben sich das Moria Corona Awarness Team und die Moria White Helmets, stellvertretend für die Camp-Bewohner*innen, mit einem offenen Brief an die europäische Öffentlichkeit und insbesondere an die Regierungen der EU-Staaten gewandt: “Am Anfang der Krise haben wir uns total alleingelassen gefühlt und waren völlig unvorbereitet. Mittlerweile haben wir einige Maßnahmen zur Selbstorganisation mithilfe lokaler griechischer NGOs treffen können, um Aufmerksamkeit zu schaffen und uns auf Schlimmeres vorzubereiten.“, heißt es darin. Und weiter: „Wir brauchen Hilfe zur Selbsthilfe und werden alles in unserer Macht Stehende tun, um uns vor der Gefahr durch das Corona-Virus zu schützen. Wir sind hier in Europa und wir brauchen Europa, um zu überleben!“[1] [3] Deutschland hat sich dazu durchgerungen, gerade einmal einige wenige unbegleitete Minderjährige aufzunehmen, zehntausende Weitere sind weiterhin im Camp gefangen.

Moria war bereits vor dem Auftreten des neuartigen Coronavirus eine humanitäre Schande. Das Virus könnte es zu einer Katastrophe werden lassen, die hätte vermieden werden können. Während die Europäische Union durch die Alleingänge ihrer Mitgliedsstaaten wie gelähmt scheint, finden sich Menschen im Internet unter dem Hashtag „Leave No One Behind [4]“ zusammen. Lasse niemanden zurück. Eine Krise, so schwerwiegend sie sein mag, fördert auch immer Solidarität. Menschen kaufen für ihre Nachbarn ein, kochen Essen für Obdachlose oder nähen Mundschutzmasken. Um eben niemanden zurückzulassen. Europa steht vor der Entscheidung: Lassen wir die Bewohner*innen von Moria und die Einheimischen auf Lesbos endgültig zurück? Oder sorgen wir dafür, diese Menschen zu schützen? Natürlich bedeutet dies einen solidarischen Kraftakt, doch die Geschichte für die Post-Corona-Zeit wird jetzt geschrieben.

Eine Multimedia-Reportage zur aktuellen Situation auf Lesbos ist hier [5] zu finden.

Anmerkung

[1] [6] standbymelesvos.gr/2020/urgent-call-from-moria-camp-for-help-in-corona-times/ [7]